Vollmondnächte rauben Ihnen den Schlaf – oder ist es nur Einbildung? Wissenschaftliche Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse, doch viele Menschen berichten von unruhigen Nächten. Unser Überblick zeigt, welche Faktoren den Schlaf beeinflussen und was hinter den Mondmythen steckt.
Es war wieder eine unruhige Nacht: Man liegt im Bett, wälzt sich von einer Seite auf die andere, fühlt sich eher wach als im Tiefschlaf. Schliesslich steht man auf, holt sich ein Glas Wasser und schaut aus dem Fenster. Dort prangt er, der vermeintliche Übeltäter, der einem den Schlaf rauben soll: der Vollmond. Viele kennen dieses Phänomen: Kaum leuchtet der Mond voll am Himmel, fällt das Einschlafen schwer, die Nächte wirken länger und am Morgen fühlt man sich müde und abgeschlagen. Doch was steckt dahinter – ist die Schlaflosigkeit in Vollmondnächten nur Einbildung oder tatsächlich messbar?
Der Vollmond und die Wissenschaft
Der Mond übt nachweislich Einfluss auf die Natur aus, insbesondere auf Ebbe und Flut. Ob er jedoch auch den menschlichen Schlaf beeinflusst, ist wissenschaftlich umstritten. Erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang lieferte 2013 eine Studie des Chronobiologen Christian Cajochen von der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel. In einem Schlaflabor mit 33 Probanden stellten die Forscher fest, dass während Vollmondphasen der Melatoninspiegel im Speichel der Teilnehmer absank. Gleichzeitig verkürzte sich die durchschnittliche Schlafdauer um rund 20 Minuten.
Doch die Stichprobengrösse war klein, die Ergebnisse lassen sich nicht verallgemeinern. In einer späteren Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie konnten bei 319 Teilnehmern keine derartigen Effekte nachgewiesen werden. Neuere Arbeiten aus Berlin legen nahe, dass ein möglicher Vollmondeffekt existiert, die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich. So bleibt offen, ob etwaige Schlafveränderungen auf die Helligkeit der Vollmondnächte oder auf andere Faktoren zurückzuführen sind.

Schlafdaten aus aller Welt
Eine 2021 veröffentlichte Studie der Universität Washington untersuchte Schlafmuster über zwei Mondzyklen hinweg bei vier Teilnehmergruppen: US-Studenten sowie indigene Bewohner argentinischer Dörfer mit unterschiedlichem Zugang zu Elektrizität. Alle Gruppen zeigten in den Tagen vor Vollmond eine Verzögerung beim Einschlafen um 30 bis 80 Minuten und eine verkürzte Gesamtschlafdauer um 20 bis 90 Minuten – unabhängig davon, ob künstliches Licht verfügbar war oder nicht.
Die Forscher vermuten, dass hier evolutionäre Mechanismen wirken könnten: Unsere Vorfahren nutzten das helle Vollmondlicht für längere Aktivitätsphasen. Ob auch die Schwerkraft des Mondes einen Einfluss auf den Schlaf ausübt, ist Gegenstand weiterer Forschung.
Psychologische Faktoren für schlaflose Nächte
Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Erwartungshaltung: Wer ohnehin glaubt, bei Vollmond schlecht zu schlafen, kann diesen Effekt durch eine selbsterfüllende Prophezeiung verstärken. Sensible Schläfer profitieren daher von einfachen Massnahmen: Verdunkelte Schlafzimmer, eine kühle Raumtemperatur um 18 Grad und das Einhalten einer regelmässigen Schlafroutine können die Schlafqualität verbessern.
Stress – der Hauptschuldige
Unabhängig von Mondphasen leiden etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland unter chronischen Schlafstörungen, Tendenz steigend. Hauptursache ist Stress, sei es durch berufliche Überlastung, familiäre Verpflichtungen oder die Belastungen der 24-Stunden-Gesellschaft. Alkohol, Drogen oder medizinische Eingriffe wie Narkosen können den Schlaf zusätzlich beeinträchtigen. Chronische Schlafprobleme betreffen inzwischen auch jüngere Altersgruppen.

Mondmythen: Zwischen Aberglaube und Alltag
Rund um den Vollmond ranken sich weitere zahlreiche Legenden und Annahmen, die weit über Schlafprobleme hinausgehen. Viele glauben, dass bei Vollmond mehr Kinder geboren werden – wissenschaftliche Daten stützen diese Behauptung nicht. Auch Schlafwandeln in Vollmondphasen wird immer wieder berichtet, eine gesicherte Grundlage dafür existiert jedoch nicht.
Auch in menschlichen Ritualen und Alltagsmythen spielt der Mond eine Rolle. Holz, das zu bestimmten Mondphasen gefällt wird, soll stabiler sein; Haare, geschnitten nach Mondkalender, sollen besser wachsen; Operationen oder Diäten werden manchmal nach Mondphasen geplant. Die Wissenschaft hat hierfür bislang keinen Nachweis erbracht.
Dass sich Mythen rund um den Mond hartnäckig halten, zeigt, wie stark der Mond unsere Wahrnehmung prägt. Selbst wenn der Einfluss auf den Schlaf nicht eindeutig ist, können Erwartung und Aberglaube dafür sorgen, dass sensible Menschen in Vollmondnächten unruhiger schlafen. Das heisst: Vieles liegt nicht in den Kräften des Mondes selbst, sondern in unserer eigenen Wahrnehmung.

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